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  • Mr. Nice Guy

Vom Bürohengst zum DJ

Anmerkung: Der Eintrag ist von 2015.

Bewerbungsfoto 2010

Es wird Zeit. Zeit, dass ich darüber ein paar Worte verliere, wie ich im Alter von 32 meinen Krawatten-Job verlassen habe, um DJ zu werden. Und zwar deswegen, weil immer mehr Menschen u.a. auch im direkten Freundeskreis, ihren Job nicht so toll finden. Ihn sogar hassen. Viele sind gefangen in ihren Büros. Schieben Excel Tabellen durch die Gegend, schrauben an PowerPoint Folien rum oder müssen sich Konzepte überlegen, die oftmals eh in der Tonne landen. Aber hey, der Chef will ja ein paar Ideen sehen. So geht es mir in meinen Jobs bevor ich DJ geworden bin. Natürlich spricht nichts gegen einen Bürojob. Und genauso ist DJ auch kein Traumjob an sich. Jeder tickt anders und jeder hat seine eigenen Vorlieben. Und die gilt es für sich zu entdecken und damit zu arbeiten. Kleiner Tipp: Was würdest du machen, wenn du Geld ohne Ende hättest und total erholt vom Urlaub kommen würdest? Meine Antwort ist klar. Aber der Reihe nach...


Fancy Studium. Im Alter von 24 habe ich meinen fancy International Business Administration Abschluss. Bachelor of Economics steht da plötzlich auf meinem Lebenslauf. Knappes 4 Jahres- programm in Holland, alles auf Englisch, inkl. Auslandssemester in den USA und Auslandspraktikum. Die meisten, die das Studium absolvieren, wollen danach ins Consulting, Finance oder Marketing bei einem Global Player machen. Google, Nike, PriceWaterHouseCoopers und wie sie alle heißen. Mich hat damals schon der Gedanke gestört, jeden Tag im Anzug zu erscheinen. Nichts gegen einen gut sitzenden Anzug, aber täglich sich verkleiden? Das ist tatsächlich mein erster Gedanke nach dem tollen Studium. So richtig kann ich mich nicht erinnern warum, aber irgendwie bin ich auf Werbung gestoßen. Da geht es ja wesentlich lockerer zu und ich kann schon irgendwie mein Wissen aus dem Studium einbringen.

Mad Man. Also suche ich mir die Top 10 der Werbeagenturen heraus und fange bei Saatchi & Saatchi an, als Praktikant in der Beratung. Die Aufgabe eines Beraters klingt sehr spannend: Als Schnittstelle zwischen Kunden und Kreativen sorgt man dafür, dass der Kunde nicht zu viel Müll brieft und die Kreativen etwas Witziges austüfteln, was sich aber auch gut verkauft. Verkauft hätte ich am liebsten meine Praktikantenstelle schon nach wenigen Wochen. Zu langweilig scheint mir die ganze Wettbewerbsanalyse. Und die Kreativen in Anglizismen zu briefen, ist mir einfach zu fucking boring. „Deadline der Headline für die Point of Sales ist KW24. To be decided. Work in Progress." Aber in den Meetings mit den Kreativen fällt mir auf, wer sich die ganzen lustigen Kampagnen ausdenkt. Der Texter zusammen mit dem Art Direktor. Grafik ist nicht so mein Fall. Meine Zeichnungen heute sehen kaum besser aus als die aus dem Kindergarten. Aber ein paar lustige Ideen zu Papier bringen, hab ich mir schon eher zugetraut. Und prompt mein Praktikum im Textbereich fortgeführt. Das geht auch ganz gut. Ich bekomme nach einiger Zeit meinen ersten Job als Junior Texter und denke mir für namenhafte Kunden Kampagnen aus. Meine Agentur-Stationen lassen sich durchaus sehen: Interone Worldwide, BBDO, BUTTER. Einige meiner Arbeiten gewinnen sogar nationale und internationale Awards. Trotzdem hab ich nie so eigenständig arbeiten können, um den Junior Titel abzulegen. Und nach gut 5 Jahren Werbung, habe ich vor allem das, was viele Werber nach ein paar Jahren haben: die Schnauze voll. Klar, es wird viel gelacht und es geht auch locker zu. Aber die Arbeitszeiten sind oftmals eher Stoßzeiten. Die meisten Ideen landen im Papierkorb noch bevor sie zum Kunden geschickt werden, auch wenn sie gut sind. Dann siebt der Kunde nochmals aus, und zack ist der Junior Texter im Hamsterrädchen der Ideen. Kohlemässig bin ich weit unter dem, was ein BWL Fritze wie ich normal bekommt. All das bewegt mich letzten Endes dazu, die Reißleine zu ziehen und auf Unternehmensseite zu wechseln, wo mehr Geld und weniger Arbeit warten sollten. Mal abgesehen davon, hat meine letzte Agentur mir auch nahegelegt was Neues zu suchen – verständlich. Mein kreativer Output ist gleich Null. Passend zu meiner Motivation weiterhin in der Werbung zu arbeiten.


Raus aus der Werbung – rein in die Hölle. Zig Bewerbungen haue ich raus. Etwas ziellos. Irgendwas mit Marketing sollte es ja sein, am liebsten bei so einem Global Player. Schließlich bin ich ja mehrfach prämierter Preisträger und besitze ja einen fancy Bachelor of Economics Abschluss. Remember? Einer renommierten Personalagentur u.a schicke ich meinen Lebenslauf, damit die mir eine Position im Marketing vermitteln. Haben sie dann auch gemacht. Nämlich direkt bei sich selbst. Man suche ja noch jemanden mit frischen Ideen und awesome English Skills. Very international. Nach 2 Bewerbungsgesprächen habe ich den Vertrag im E-Mail Postfach. Ich bin wieder zurück im Berufsleben – über 50% mehr Gehalt als in der Werbung, kein Hamsterrad der Ideen mehr. Mehr wollte ich nicht. Meine neue Perspektive soll am 2.1.2011 anfangen. Stolz aktualisiere ich mein XING Profil. So macht man das ja heute, man zeigt online was man hat. Marketing Coordinator steht da jetzt. Das neue Profilfoto zeigt einen Dennis Tjoeng im Anzug inklusive Schwiegersohn-Lächeln. Wie halt alle diese Bewerbungsfotos aussehen. Fortan heißt es Armani statt Air Max, schließlich bin ich jetzt dort, wo andere International Business Administration Absolventen anfangen. Die ersten Wochen im neuen Job sind genauso wie eine Marketing-Stellenausschreibung sich liest: „Sie arbeiten in einem jungen, dynamischen internationalem Team. Übernehmen schnell Verantwortung über die gesamte D-A-CH Region. Darüber hinaus erstellen und koordinieren Sie eigenständig interne und externe Marketing Konzepte und haben Erfahrung im Projektmanagement.“


Anfangs ist alles noch neu und irgendwie ganz nett. Es gibt viel zu tun, hier und da ist es chaotisch. Wird schon irgendwie, rede ich mir ein. Doch je mehr Wochen verstreichen, desto mehr fällt mir auf, dass keine der Aufgaben Spaß macht. Kreative Marketing Konzepte ausdenken – das ging mir schon in der Werbung voll auf den Sack. Und jetzt musste ich sie auch noch ausführen. Oder Projektmanagement. Das ist doch eh das Büro-Unwort schlechthin. E-Mails jonglieren, Angebote einholen, vom Chef absegnen lassen. Mit Managern international Conference Calls im Konfi abhalten. Vorschläge einreichen, egal ob sie sinnvoll sind. Aber der Vorgesetzte vom Vorgesetzten, also der mit der wenigsten Ahnung, hat es beim Montags-Meeting gewünscht, daher ist es Prio 1. Und dann arbeitet in einem „echten“ Büro ein anderer Humor. Irgendwie ist alles wesentlich krampfiger. Ein bisschen wie bei Stromberg. Nur, dass ich selbst mitspiele.


Es muss so Mai/Juni gewesen sein, als ich einen gesamten neuen Geschäftsbereich auf-gedrückt bekomme. Ich war eh schon komplett überfordert mit dem aktuellen Arbeits-aufwand, aber als aufstrebender Marketing Coordinator FREUT MAN SICH DOCH ÜBER MEHR ARBEIT. „Es gibt eine neue Challenge für dich“, sagt mein Vorgesetzter. Challenge up my ass. Projektmanagement up my ass. Marketing Konzept up my ass. Die gesamte Arbeit geht mir seit Monaten schon am Arsch vorbei. Ich bin zwar raus aus der Werbung, aber in der Hölle gelandet. Und zwar zur Primetime, würde der DJ sagen. Mittlerweile hasse ich es, zur Arbeit zu gehen. Schlafe beschissen und habe eine konstante Dreckslaune. Da helfen auch keine 2 Wochen Sommerurlaub. Statt Erholung, füllt mich einfach nur eine komplette Leere aus, irgendwie bin ich ausgebrannt. Komplett am Ende. Ob ich dann schon von einem Burn out sprechen kann, weiß ich nicht genau. Aber diese Leere fühlt sich einfach so an. Seit Wochen nehme ich so teure Antistress Medikamente, soll bei akuter Primetime Hölle gut helfen. Tun sie aber nicht. Das einzige Gegenmittel ist ein neuer Job. Nur, was zum Teufel soll ich machen?


Exit Hölle. Wir reden gerade von gut einem halben Jahr, meiner härtesten Zeit des Lebens. Für kein Geld der Welt will ich wieder in einem Büro arbeiten. So viel steht fest. Da interessiert mich auch nicht die Top 10 der besten Arbeitgeber, die sich ja so sehr um die Worklife Balance der Mitarbeiter kümmern. Kostenloses Fitnessstudio, am besten direkt im Büro. Playstation Ecke, um mal die Seele freizuballern. Kinderbetreuung, Firmenfahrzeug mit Tankkarte. Am Ende des Tages würde mich da wieder eine Challenge nach der anderen zermürben, weil ich da wieder irgendwas mache, was einfach mal null Spaß macht. Ja, aber was macht mir denn Spaß? Darf Arbeit überhaupt Spaß machen? Schon zur Schulzeit bekommen wir eingetrichtert: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Daher haben die meisten ein schlechtes Gewissen, einen Job auszuüben, der ihnen Freude bereitet. Seit 2003 bin ich sogenannter Bedroom DJ. Lege also zuhause für mich auf, jeden Tag nach der Arbeit. Zur Entspannung. Hier und da habe ich auch mal private Auftritte für Freunde oder spiele bei meinen Arbeitgebern auf der Sommer- oder Weihnachtsfeier. Mir ist klar: Auflegen ist das Größte für mich. Kaufe in meiner Freizeit Platten, studiere DJ Techniken- und Videos, höre unzählige DJ Mixes, ja schaue mir sogar Interviews mit meinen Lieblings DJ immer wieder an. Aber Geld habe ich bis Dato noch keins mit Auflegen verdient. Außerdem weiß jeder: Nur die wenigsten können vom Auflegen leben. Also ist das auch keine Option. Mal abgesehen davon, ist Auflegen ja auch nichts, was ich bis zur Rente machen kann.

Hilfe, ich brauch einen neuen Job. Von alleine würde ich selbst nicht auf die Lösung kommen. Also mal so eine Berufsberatung machen? Die kosten doch alle sauviel Geld. Und was soll mir so ein Fremder erklären, welchen Job ich ergreifen soll? Ein Freund erzählt mir jedoch von einer Berufsberaterin, die sehr interessante Kunden hat: Vom Rechtsanwalt zum Schauspieler, von der Controllerin zur Konditorin, oder auch vom Banker zum Koch. Ich habe noch gut 30 Jahre, die ich arbeiten muss und außerdem sprechen wir gerade von meinem Lebensglück, das ich bestenfalls ja finden werde. Also, scheiß aufs Geld. Ohne zu zögern, melde ich mich für das Seminar an und sitze nach wenigen Wochen im Seminar mit 3 weiteren Kunden, die ebenfalls an akuter Primetime Hölle leiden. Jedoch schon wesentlich länger als ich. 2 Bedingungen stelle ich an meinen neuen Job: Kein Büro und auch nicht DJ. Trotzdem hat die Beraterin herausgehört, dass mein Traumberuf DJ ist. Meine Antworten auf ihre Fragen – die ich auch etwas manipuliert habe, damit nicht DJ als Job am Ende rauskommt – haben es dennoch eindeutig hergegeben.


Also jetzt doch DJ oder was? Meine ersten Gedanken nach dem Seminar waren: Scheißescheißescheiße. Jetzt hatte ich es schwarz auf weiß. DJ ist mein Traumjob. Aber wie soll ich denn damit Geld verdienen? Und will ich das machen bis ich 70 bin? Alter, ich bin 32. Da hören doch viele DJ Karrieren schon auf. Ich habe jedoch gelernt, die Zeit jetzt zu nutzen und zu machen worauf ich jetzt Lust habe. Und nicht, was ich mal mit 70 machen werde. Wer garantiert mir, dass ich überhaupt 70 werde? Vielleicht werde ich ja – Gott bewahre – mit 40 schwer krank. Und dann bereue ich, dass ich mein Leben nicht gelebt habe. Wie sagt man so schön: Das Leben ist ein Geschenk. Wie wahr. Hätten wir also das Altersproblem geklärt. Aber wie soll ich denn damit Kohle verdienen, geschweige denn davon leben? Viele, leider auch gute DJs, haben tatsächlich Probleme ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Und ich habe bis dato keinen einzigen Gig in Aussicht. Zu dieser Zeit bin noch in der Hölle beschäftigt, allerdings will man mich selbst dort raushaben. Die Geschäftsführung hat entschieden, dass ich nicht der Richtige für den Job bin. Endlich waren wir mal einer Meinung – und so bin ich gezwungen alles auf die DJ Karte zu setzen. Risiko und finanzieller Aufwand, ein DJ Business anzufangen, sind für mich über-schaubar. Das DJ Equipment besitze ich bereits seit Jahren und habe mich immerhin schon 8 Jahre fleißig jeden Tag nach der Arbeit auf diesen Job vorbereitet, ohne es zu wissen. Ich muss nur einen neuen Mix machen und dann damit Klinken putzen. Denn wer nicht fragt, wird auch nicht gebucht. Ganz einfach.

Dauerurlaub ab 50 Euro die Nacht. Meine ersten Auftritte sind mies bezahlt. 50 Euro für den ganzen Abend in kleinen Bars. Dafür habe ich von der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss für die ersten Monate bekommen. Also ist Geld erstmal nebensächlich. Was zählt ist, dass ich DJ bin und vor allem sau glücklich. Relativ schnell verstehe ich: Wenn du mit Liebe bei der Sache bist, dann wird es auch gut. Ich bleibe weiter dran, kämpfe um jeden Gig, gebe bei jedem Auftritt alles und versuche ständig meine Gage in kleinen Schritten zu erhöhen. Schreibe alles an, wo ich einen Auftritt bekommen kann. In den meisten Fällen bekomme ich keine Antwort von den Clubs oder Veranstaltern. Egal. Weitermachen. Das Auflegen ist bis heute wie eine Droge. Ich will immer öfter für mehr Geld. Gute 3,5 Jahre später schreibe ich diesen Eintrag und blicke auf eine tolle Reise zurück. Hätte mir jemand das alles zu meiner Höllen-Phase prophezeit, hätte ich ihm wohl den Vogel gezeigt. Unmöglich! Ich würde zwar nicht sagen, dass alles möglich ist. Aber deutlich mehr als man denkt.

Natürlich bin ich kein Superstar oder am Ziel meiner DJ Karriere. Jedoch stehe ich jeden Tag mit einem Lächeln auf und lebe meinen Traum als DJ. Fühlt sich an wie Dauerurlaub.

Schreibt mir eine Mail, falls ihr Lust habt, über das Job-Thema zu reden: mrniceguy@mrniceguy.me

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